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Ole und Funzelfritz

 

 

"Sei achtsam und träume nicht, wenn du schnitzt" hatte Opa gesagt, als er Ole das kleine Taschenmesser mit der hölzernen Griffschale und der kleinen aber scharfen Schneide geschenkt hatte. Voller Stolz hatte er das Geschenk seinen Eltern gezeigt. Mama war zunächst nicht besonders begeistert. Aber nachdem Ole ihr gezeigt hatte, was Opa ihm im Umgang mit dem Messer beigebracht hatte, war sie ein wenig beruhigt. Seitdem hatte Ole das Messer immer dabei, vor allem, wenn er am Strand war. Hier gab es so viel zu entdecken und zu erforschen.

 

Versonnen trottete Ole bei Ebbe entlang des Leitdamms, natürlich immer in sicherer Entfernung zum Strand. Gerade hatte er eine wunderschöne Auster entdeckt, die an den Steinen klebte. Als Ole in die Tasche griff, fühlte er das glatte Holz des Messers. Voller Vorfreude zog er es schwungvoll heraus. Er wusste nicht, wie ihm geschah, als eine unverschämte Möwe in übermütigem Sturzflug angeflogen kam und ihm das Messer aus der Hand schnappte. Wahrscheinlich hatte sie angenommen, etwas Essbares zu ergaunern. Als sie ihren Irrtum bemerkte, ließ sie das Messer aus luftiger Hohe in die Fahrrinne hinter dem Leitdamm plumpsen.

 

Wie angewurzelt stand Ole da und starrte in das dunkle Wasser als könne er damit alles ungeschehen machen. Was sollte er nur tun? Er war hier aufgewachsen und wusste nur zu gut, dass das Wasser auf der anderen Seite des Damms lebensgefährlich sein konnte. Aber Opas Geschenk dem Wasser preisgeben? Seine Gedanken fuhren Karussel, ihm wurde schwindelig und dann bildete er sich plötzlich auch noch ein, dass es unter der Wasseroberflache hell schimmerte. War das sein Messer, das dort glitzerte? Unmöglich bei dem trüben Wasser! Doch da wurde es noch heller an der Meeresoberfläche. Ole rieb sich die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er eine winzige Lampe wie ein Periskop aus dem Dunkel des Wassers hervorkommen. Vor Schreck schloss Ole seine Augen wieder und hoffte, beim Öffnen wäre die Träumerei verschwunden. Aber im Gegenteil. Er sah direkt in zwei winzige weit aufgerissene schwarze Fischaugen. Der Fisch selbst war übersäht mit hässlichen Pocken und Dellen. Aus seinem riesigen Maul schauten unmengen langer messerscharfer Zähne. Und doch flösste er Ole keine Angst ein. Was war das? Hatte der Fisch ihm gewunken? Ihm war, als wolle das Tier ihm etwas bedeuten.

 

Ole kletterte vorsichtig ein paar Schritte über den Damm. Er hatte die warndenden Worte seiner Mutter im Ohr, niemals über den Leitdamm zu steigen. Aber da war es wieder, der Fisch hatte ihm tatsächlich gewunken. Vorsichtig balancierte er noch ein weiteres Stück, um besser sehen zu können. Bedacht setzte er seine Schritte auf den glatten Steinen des Damms. Er war ein guter Kletterer, was sollte ihm passieren? Sein rechter Fuß kam ins Rutschen. Ole versuchte sich zu fangen, konnte aber auf den Steinen keinen festen Halt finden und stolperte nach vorn in das Wasser der Fahrrinne.

 

Es war eisig kalt und dunkel. Das Wasser rauschte in seinen Ohren. Erstaunlicherweise konnte er allerdings besser sehen als gedacht. Es wurde immer heller um ihn herum und auf einmal sah er wieder in die Glotzaugen des Fisches. Groß war er, viel größer als er ihm vorgekommen war. Entweder war er selber geschrumpft oder es handelte sich um einen Riesenfisch. Doch bevor Ole sich sorgen konnte, sprach der Fisch "War das dein Messer, das mir diese dösbaddelige Möwe gerade hat auf den Kopf fallen lassen?". Ole hatte es die Sprache verschlagen. Er nickte nur und hoffte, dass der Fisch ihm nicht böse sein würde. "Na, dann komm!", sprach der Fisch, "Setz dich auf meinen Rücken und halt dich gut fest."

 

Die Situation war so kurios, dass Ole nicht weiter nachdachte und einfach tat, wie der Fisch ihm geheißen hatte. Er hielt sich zunächst zögerlich am Lampophor des Fisches fest. Der behäbig wirkende Fisch legte jedoch ein ziemliches Tempo vor, so dass Ole schließlich beherzt zupackte. Nach anfänglichem Schaudern fing der wilde Ritt an ihm zu gefallen. Funzelfritz, wie der Meeresbewohner von seinen Freunden genannt wurde, bemerkte die Freude des Jungen. Stolz vollführte er ein paar besonders waghalsige Schwünge zwichen Seezungen, Dorschen und einmal auch an einem riesigen Wolfsbarsch vorbei.

 

Ole saß sicher, wie in einem Sattel und juchzte laut. Erst nach einer geraumen Zeit fiel Fritz das Messer wieder ein und er steuerte zielsicher auf die Stelle am Meeresboden zu, an der es liegen musste. Ole entdeckte Opas Taschenmesser als Erster. Er stieg vorsichtig von dem riesigen Tier und steckte das Messer tief in seine Tasche. Danach drehte die beiden noch einige Runden, bevor Fritz wieder an die Wasseroberfläche schwamm. Direkt am Leitdamm ließ er Ole von seinem Rucken steigen. "Machs gut und pass das nächste Mal besser auf dein Messer auf." Dann tauchte er ab.

 

Ole stand einfach da und starrte auf die sich kräuselnde Wasseroberfläche. Hatte er das alles nur geträumt? Kein Tropfen rann aus seinen Kleidern. Er griff in seine Tasche und fühlte das Holz des Taschenmessers. In dem Moment schaute Funzelfritz aus dem Wasser. "Auf bald!" hörte er den Fisch rufen. Merkwürdig, Fritz sah plötzlich wieder viel kleiner aus. Dann tauchte er ab. Ole sah ihm noch lange hinterher.

 

Ob ihm wohl irgendjemand diese Geschichte glauben würde?

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